„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ – und viele Fragen

Es ist das bekannteste deutsche Weihnachtslied. Obschon es vergleichsweise jung ist, so wie unser heute gefeiertes Weihnachtsfest überhaupt. Erst im 18. Jahrhundert etablierte sich der lichtergeschmückte Christbaum in den Stuben des deutschen Bürgertums. Das Brauchtum entfaltete sich besonders im protestantischen Gebiet. Der Lebensbaum des Paradiesspiels in den Kirchen fand Eingang in die heimelige Welt der Familie und verbreitete sich von dort über die ganze Welt.

Rechtsanwalt Gustav Körner, ein Freund Abraham Lincolns, brachte ihn nach Amerika, Queen Viktoria durch ihren deutschen Gatten Albert nach Großbritannien. Fanny von Arnstein etablierte die Sitte im katholischen Österreich und mit Helene zu Mecklenburg-Schwerin kamen Weihnachtsbaum und Brauchtum nach Frankreich. Denn es waren nicht nur die geschmückten Tannenbäume, die das Herz erwärmten, nicht nur die kleinen Geschenke und Süßigkeiten, sondern auch die Musik und vor allem das deutsche Weihnachtslied.

Seine Ursprünge hat es im Gottesdienst. Die lateinische Liturgie orientierte sich am Kirchenjahr: Weihnachtslieder waren obligatorischer Teil der Mitternachtsmesse. Doch waren sie in Latein, höchstens mit deutschen Zwischentexten, verfasst und wurden außerhalb des Gottesdienstes nicht gesungen.

Martin Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzte und die Messe in deutscher Sprache las, schuf auch die ersten Weihnachtslieder in deutscher Sprache. Diese fanden rasch Eingang in das heimische Weihnachtsfest und wurden im Kreise der Familie mit Flöten- und Lautenbegleitung oder einfach a cappella gesungen.

Im 18. und 19. Jahrhundert entstanden eine Fülle von Weihnachtsliedern, die im privaten Bereich und in der Kirche gesungen wurden. Viele für die häusliche Andacht geschriebene Melodien wurden später in die Kirchengesangsbücher aufgenommen.

Das berühmte „Stille Nacht! Heilige Nacht“ wurde direkt für den Gottesdienst in Sankt Nicola in Oberndorf geschrieben und „für 2 Solostimmen samt Chor und für eine Guitarrenbegleitung“ vertont. Bereits Jahre später rankten sich Legenden und Mythen um das Lied …

Am Anfang war das Wort

In alten Zeiten hat es das noch gegeben: Auf Dachböden von Pfarrhäusern, in Kirchenbibliotheken, im Schrank in der Sakristei tauchten plötzlich alte Schriften und Texte auf.
So war es wohl auch mit dem Urtext des beliebten Weihnachtsliedes. Auf der Empore einer Dorfkirche im Bayerischen Wald fand sich ein lateinischer Text:
Alma nox, tacita nox!
Omnia silet vox,
Sola virgo nunc beatum
Ulnis fovet dulcem natum.
Pax tibi puer, pax!
Diese Zeilen und zwei weitere Strophen bilden den Ursprung des späteren Textes. Da ist von den „Angeli“, den Engeln, und den „Pastores“, den Hirten die Rede und von Jesu Geburt, die den Frieden bringt.

Joseph Mohr, der als Beistand des damaligen Priesters in Mariapfarr in Althofen wirkte, wollte den derben Mundartliedern einen hochdeutschen Text entgegensetzen. 1816 entstanden die heute weltbekannten und in dreihundert Sprachen und Dialekte übersetzten Strophen.

Die Napoleonischen Kriege hatten das Land verwüstet. Ernteausfälle führten zu Hunger. Joseph Mohr, selbst Kind eines Soldaten und einer Strickerin, kannte die bittere Armut von Anfang an und litt mit der Bevölkerung. Erst ein Jahr vorher hatte er als uneheliches Kind die Ausnahmegenehmigung zur Priesterweihe erhalten.

Hoffnungslosigkeit, Werteverfall und Lethargie galt es aufzuhalten. Im Glauben sah Mohr die Möglichkeit, Kraft für den Neubeginn und Frieden im Herzen zu finden. So wurde das Lied auch später verstanden. In Kriegstagen und Notzeiten fanden die Menschen am Heiligabend Trost, wenn das Lied „Stille Nacht“ erklang.

Eine alte Geschichte und die Legende von der Maus

Die meisten Lieder benötigen eine lange Entstehungszeit. Nicht so „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ Das Lied entstand auf wundersame Weise an einem Abend.

Joseph Mohr war seit September 1817 Hilfspriester in Sankt Nicola, der neu errichteten Pfarrkirche in Oberndorf. Am 24. Dezember 1818 suchte der Geistliche den Lehrer Franz Gruber auf, der als Organist in der Kirche beschäftigt war. Er brachte ihm sein 1816 entstandenes Gedicht und bat um eine „passende Melodie für 2 Solostimmen samt Chor und für eine Guitarrenbegleitung (statt der miserablen Orgel daselbst)“.

Noch am selben Abend brachte Lehrer Gruber das Lied seinem Verfasser. Noch am selben Abend wurde es „bei dem heil. Christ-Amte in der Nacht um 12 Uhr zur Aufführung“ mit dem Chor gebracht. Den Solopart sangen Joseph Mohr und Franz Gruber selbst. Mohr soll auch die Begleitung auf der Gitarre übernommen haben. So überliefert es der Volksliedforscher Franz Magnus Böhme.

Besonders die Gitarre habe Aufsehen erregt. In der Gegend sei sie unbekannt gewesen. Die Gitarrenbegleitung war es wohl auch, die nicht unwesentlich zur Popularität des Liedes beitrug. Anders als bei Kirchenliedern mit üblicher Orgelbegleitung wirkte das Musikstück, als sei es von Anfang an auch für den weltlichen Gebrauch bestimmt. Denn die Gitarre war ein Instrument, das im 19. Jahrhundert breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich wurde und sich besonders in der Hausmusik durchsetzte.

Das eine hungrige, frierende Maus die Orgel direkt vor der Weihnachtsnacht angeknabbert habe und Mohr dadurch zur Gitarre als Ersatz griff, ist eine hübsche Legende, die Josef Gottlieb und Hertha Pauli in die Welt gesetzt haben.

Die Orgel in Sankt Nikolai ließ tatsächlich zu wünschen übrig. Doch kann dies keiner einzelnen Maus zur Last gelegt werden. Über die Jahre war die Orgel nach dem Urteil des Tiroler Orgelbauers Karl Mauracher, der sie 1821 untersuchte, unbrauchbar und wurmstichig geworden. Von Mäusefraß berichtet er nicht.

Ein Lied zieht in die Welt – Tiroler Volkslied oder Werk des Haydn-Bruders?

Liebhaber der Volksmusik gibt es nicht erst seit dem Aufkommen von Fernsehen und Radio. Schon im 19. Jahrhundert gab es beliebte Volksmusiker.

Nachdem Orgelbauer Mauracher die Orgel von Sankt Nikolai begutachtet hatte, wurde er 1925 mit dem Bau einer neuen Orgel beauftragt. Das schöne neue Weihnachtslied hatte es ihm angetan und er fertigte eine Abschrift an, die er mit in seine Heimat nach Fügen im Zillertal nahm.

Dort lebte eine Handschuhmacher-Familie, die auch auf dem Gebiet des Gesangs bekannt war: Die Geschwister Strasser sangen 1832 „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ auf einem Konzert auf der Leipziger Messe zur Aufbesserung ihrer Einnahmen. Gleich anschließend erklang es in der Christmette der königlichen Hofkapelle der Pleißenburg. Die Namen von Verfasser und Komponisten wurden nicht genannt. 1833 erschien in Sachsen ein Druck, der das Musikstück als Tiroler Volkslied bezeichnete. Tirol galt als Hochburg der Volksmusik. Und so wurde das Weihnachtslied „Stille Nacht“ auch in den weitverbreiteten „Musikalischen Hausschatz der Deutschen“ aufgenommen.

Mohr und Gruber waren vergessen. Da nimmt es nicht Wunder, dass das Lied, das sich auch in den höheren Kreisen einer steigenden Beliebtheit erfreute, bald sogar Michael Haydn, dem Bruder Joseph Haydns, zugesprochen wurde. Die Berliner Hofkapelle hatte sich um eine Abschrift des Liedes zu erhalten, nach Salzburg gewandt. Rein zufällig konnte Felix Gruber, der Sohn des Komponisten, das Missverständnis aufklären und so kamen der 1848 bereits verstorbene Aushilfspriester Joseph Mohr und der Lehrer, Organist und Komponist Franz Xaver Gruber zu ihrem Recht als anerkannte Schöpfer des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“

Joseph Mohrs Schädel

Mohr ist nicht der Einzige. Wer erinnert sich nicht an die Legenden um Schillers Schädel? Dem begabten armen Theologen Mohr war, wie dem berühmten Dichter, kein langes Leben beschieden.

Neun Monate nach der Entstehung des Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ zog Mohr weiter. Die Salzburger Gemeinden Kuchl, Golling, Vigaun, Anthering, Eugendorf, Hof und Hintersee wurden seine nächsten Stationen. Zuletzt fand er eine Stelle als Vikar in Wagrain.

Doch seit seiner Kindheit wurde Joseph Mohr von Lungenleiden geplagt. 1848 starb er an einer Lungenlähmung. Seine Beisetzung fand auf dem örtlichen Friedhof statt. Heute befindet sich nur noch der Leichnam dort. Der Kopf fehlt.

Während Schillers Schädel im Kassengewölbe Weimars nicht mehr einwandfrei identifiziert werden konnte, befand sich in Mohrs Grab zunächst ausschließlich ein Kopf, der zweifelsfrei zu Joseph Mohr gehörte.

Um 1900 gehörte „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ bereits zum Standardrepertoire der Lieder, die zu Weihnachten gesungen wurden. Mohr und Gruber wurden als Verfasser geehrt. Der Pfarrer und Bildhauer Josef Mühlbacher erhielt 1912 den Auftrag der Gemeinde Wagrain, ein sichtbares Zeichen zu setzen.

Da von Joseph Mohr keine Abbildung und kein Porträt vorhanden waren, bat Mühlbacher um Exhumierung des Schädels. Unter Leitung des Pfarrers Rosenstätter wurde das Grab geöffnet, der Kopf entnommen. Es entstand ein Relief nach den Zügen des Schädels.

Anschließend wurde der Kopf Mohrs dem Grab jedoch nicht wieder zugefügt. Er verblieb im Gemeindeamt Oberndorf. Erst Ende der dreißiger Jahre fand der Schädel von Joseph Mohr in der neu erbauten Stille-Nacht-Gedächtniskapelle in Oberndorf seinen Platz. Er wurde dort eingemauert.

Mohrs Engagement

Joseph Mohr war ein widerständiger Charakter. In einfachsten Verhältnissen in Salzburg aufgewachsen, musste sich der hochbegabte Junge allein durchsetzen. Für ein unehelich geborenes Kind war das nicht leicht. Seine Mutter war eine Strickerin, sein Vater ein Soldat mit mehreren unehelichen Kindern.

Der Domvikar Johann Nepomuk Hiernle erkannte das Talent des Jungen und förderte Mohr bis zum Theologiestudium. Vielen etablierten Amtsinhabern war der engagierte junge Mann ein Dorn im Auge. Doch Joseph Mohr setzte sich für arme Dorfbewohner ein, förderte den Schulbesuch auch mittelloser Kinder, kümmerte sich um Alltagsbelange wie Feuerwehr, Altenheim und Armenhaus.

Wilderern soll der Vikar in seiner Hinterseer Zeit Fleisch abgekauft und an arme Familien verteilt haben. Mohr wurde angezeigt. Das Geld für das Fleisch der Wilderer sei aus der Kollekte der Kirche genommen worden. Doch ins Gefängnis kam der Robin Hood vom Hintersee nicht. Vielleicht rettete ihn der Kirchenchor oder die Obrigkeit hatte ein Einsehen. Denn nach den Kriegswirren und Ernteverlusten ging es der Bevölkerung schlecht. Historische Nachweise gibt es für diese Geschichte jedoch nicht. Für

Armenhaus, Schule und Feuerwehr allerdings schon. Bis heute hält sich der Mythos um den engagierten Vikar und Dichter des Liedes „Stille Nacht!“ Und so versammelt sich jedes Jahr zu Weihnachten der Wagrainer Kinderchor um das Grab von Joseph Mohr, um zu seiner Erinnerung zu singen.

Nur am Heiligen Abend!

Legenden um Weihnachtslieder gibt es viele. Um das Fest der Feste und sein Liedgut vor Profanisierung zu retten, entstand wohl der Mythos, Weihnachtslieder seien ausschließlich zur Weihnachtszeit zu singen, sonst brächte dies Unglück. Im Alpenland gilt die Regel, „Stille Nacht!“ darf nur am 24. Dezember nach Einbruch der Dunkelheit gesungen werden.

Wann der Brauch entstand, lässt sich nicht klären. Denkbar ist, dass mit der Verbreitung des Liedes auch seine Popularität stieg. Das Weihnachtsfest zeigte schon früh Tendenzen, aus dem sakralen Bereich in den rein weltlichen abzugleiten. Weihnachtsmärkte und Feiern im privaten Raum lebten vom Handel mit Naschwerk und Attraktionen. Geschenke und gutes Essen standen bald im Mittelpunkt. Auch heidnische Rituale lebten hartnäckig immer wieder auf.

Ruprecht und Nikolaus, Krampus und Percht trieben ihr Unwesen. Um dem vorzubeugen, versuchte die Kirche strenge Grenzen zu ziehen.

Beim Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ gehen bayerische Eltern noch einen Schritt weiter. Hier wird den Kindern erzählt, wird das Lied an einem anderen Tag als dem 24. Dezember gesungen, so müsse ein Mensch sterben.

Doch schon der aus Zillertal stammende Ludwig Rainer, ein berühmter Tiroler Volkskünstler, der das Lid 1839 nach Amerika brachte, wird es nicht nur am Heiligen Abend gesungen haben.

Die siebente Strophe

Das beliebte Lied wurde nicht nur in Dialekte übertragen und viele Sprachen übersetzt. Es regte auch immer wieder zu Bearbeitungen an. Zunächst kam die Orgelfassung, noch vom Komponisten Franz Xaver Gruber gesetzt, hinzu. Die Tiroler Volkssänger schufen eine Klavierpartitur.

Und auch der Text unterlag Veränderungen. Nicht nur moderne scherzhafte Fassungen für Betriebsfeiern entstanden, sondern ziemlich früh kam es auch zur Weiterdichtung.
Bereits 1819, ein Jahr nach der Uraufführung durch Mohr und Gruber, fügte Lehrer Wimmer aus Waidring seiner Abschrift eine siebente Strophe zu, die die Könige mit ihrem Stern beschreibt. Wimmer führte ein handgeschriebenes Kirchenliederbuch. Seine Abschrift des beliebten Weihnachtsliedes gilt als die älteste.

Jahrhunderte später, wiederum in harter Zeit, beschäftigt sich ein anderer Geistlicher mit dem Lied. Pfarrer Valentin Pfeifenberger verfasst im alten Pfarrhaus in Unken 1948 ebenfalls eine siebente Strophe, die der des Lehrers Wimmer bis ins Detail gleicht. Unmöglich konnte Pfeifenberger den alten Strophentext kennen. Oder doch?

1935 war die siebente Strophe des Lehrers in einer Liedersammlung erschienen. Hatte Pfeifenberger sie gekannt? Doch warum gab der praktizierende Theologe nun diese siebente Strophe als sein Werk aus?

Bis heute beschäftigt das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ viele Menschen nicht nur zur Weihnachtszeit. Immer wieder spricht es die Seelen an und lässt sich auf viele Situationen beziehen, seit es das erste Mal vor zweihundert Jahren in Sankt Nikolai erklang.